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Rezension: Herr Professor Clown

 

Die Theorie passt nicht ganz zur Praxis

Rezension zu dem Film von R. Senn und B. Wachter Schmid

Herr Professor Clown

Ernst J. Kiphard - Vater der deutschen Psychomotorik

 

Auf dem Weg zu dem ultimativen Jonny-Kiphard-Film ist unseren Schweizer Kolleginnen und Kollegen ein Meisterstück gelungen: In fünf thematischen Abschnitten versuchen sie dem Fast-Widerspruch des Filmtitels: seriöser Wissenschaftler mit internationalem Renommee, vielfacher Buchautor mit hohen Auflagen und Verbreitungsgrad auf der einen und Clown, Akrobat, Poet und Träumer auf der anderen Seite, gerecht zu werden.

Der erste Abschnitt des Films widmet sich dem vielseitigen Lehrer E. J. Kiphard in einer aktuellen ‚Lehrstunde'` mit Schülerinnen eines Psychomotorikkurses der Schweizer Fachschule für Heilpädagogik. Es wird schnell deutlich, wie wenig die materialen und personalen Bewegungsexperimente zu einer linear-funktionalen Sichtweise von Bewegungsförderung passen und wie sehr Kreativität und Eigentätigkeit im Vordergrund stehen. Dies war bei E. J. Kiphard - wenn man z. B. an die frühen 60er Jahre und Bücher wie “Koordinationsschwächen im Grundschulalter“ denkt - nicht immer so, da damals wie heute der Legitimationsdruck auf die Psychomotorik als seriöses, im weiteren Sinne physiotherapeutisches Verfahren, Berücksichtigung im Leistungskatalog der Krankenkassen etc. sehr gross war. In den Filmszenen entsteht der Eindruck einer inhaltlichen Rückbesinnung des ‚Vaters‘ auf die Ursprünge seiner Arbeit, die im positiven Sinne als Sammelsurium aus Sportlichem, Musikalischem und Kreativem bezeichnet werden kann.

Für die Weitervermittlung ist eine Selbsterfahrung - weniger im Sinne der Psychotherapie, sondern mehr als ein ‚Durchspielen‘ und ‚Durchleben‘ - unabdingbar. Die Bedeutsamkeit des Selbsterlebten als Basis für eine reichhaltige Praxis wird im zweiten Abschnitt des Films deutlich. Es ist höchst interessant zu sehen, wie bestimmte biographische Ereignisse und ungeplante Lebenswendungen Praxis, Forschung und Lehre in der Psychomotorik beeinflusst haben.

Die Illustrierung wird zum Teil mit Hilfe von alten Filmausschnitten aus der Zeit in Gütersloh und Hamm vorgenommen, und es ist eine Freude zu sehen, wie sich die Professionalität des Clowns Jonny schon vor über vierzig Jahren im befreienden Lachen der kindlichen und erwachsenen Zuschauer widerspiegelt!

Dem ‚Clownskern‘ in der Person E. J. Kiphard widmet sich ein eigener Filmabschnitt, wobei die Faszination einer Kombination von Tragischem, Tollpatschigem und Witzigem auch vierzig Jahre später nichts eingebüsst hat.

Was damals vielleicht im therapeutischen Geschäft eher als Burleske angesehen wurde, hat heute mit der Entdeckung des ,Humors in der Psychotherapie‘ durchaus seriöse wissenschaftliche Weihen erfahren.

Trainingselemente wie ‚seine Gefühle authentisch ausdrücken können‘ oder ‚den Clown in sich entdecken‘ sind heute auch psychotherapeutischen Selbsterfahrungsgruppen nicht fremd.

Humor, Freude und Spass als Kernelemente erfolgreicher pädagogisch-therapeutischer Bemühungen wirken in der Psychomotorik nach E. J. Kiphard nicht aufgesetzt - sondern sie sind bedingt durch die Persönlichkeit des Protagonisten - ihr unabtrennbarer Bestandteil.

Der vierte Abschnitt zeigt die Arbeit E. J. Kiphards mit Kindern in einer Kleingruppe: einfache Materialien und Übungen, wobei die Behutsamkeit, die aufmerksame Zuwendung und die praktische Beteiligung deutlich machen, dass die Psychomotorik kaum mit einer Abstinenzregel leben könnte. Die Art und Weise der Beziehungsgestaltung mit leibhaftiger Beteiligung ist offensichtlich das entscheidende Heilmittel:
Im letzten Teil wird eine Brücke zur aktuellen Weiterentwicklung der Psychomotorik geschlagen mit Szenen aus dem Kiphard-Förderzentrum in Bonn, mit Anmerkungen zum Aktionskreis Psychomotorik und zur weiteren Forschungsentwicklung, eine Darstellung, die ebenfalls durch historische Filmszenen illustriert wird.
Was bleibt? Zunächst die Hommage an eine faszinierende Person, ein gelebtes Leben und ein Konzept das Mut macht in einem Meer von therapeutischen Angeboten für Kinder eine spezifische Form des spielerischen und freudvollen Umgangs zu pflegen und weiter zu entwickeln, die sich zum Teil dem Qualitäts- und Effektivitätswahn in gewisser Weise entzieht: eine Hommage an das Unkalkulierbare, an die Lebensfreude, an Träumerei und Poesie!
Und hiermit endet auch der Film; mit Parodien zu Heinz Rühmann und Hans Albers sowie mit einem Gedicht zum ,Traum von einer besseren Welt‘.
Hauptdarsteller, Filmautorin und Autor mit einer Schar von Statisten haben, unterstützt durch eine hervorragende Filmtechnik, das Filmporträt einer Person geschaffen, das nicht ,lobhudelnd‘ wirkt, sondern Mut macht, die Ideen von E. J. Kiphard weiterzuentwickeln und für die pädagogische und therapeutische Arbeit mit Kindern zu nutzen.

Gerd Hölter

In motorik, Schorndorf 25 (2002) Heft 2

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