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Projekt: Herr Professor Clown

 

 

Herr Professor Clown

Ernst J. Kiphard - Vater der deutschen Psychomotorik

„Das ist eine tolle Entwicklung, die das genommen hat. Ich habe manchmal zu meiner Frau gesagt, ich habe einen runden Schweizerkäse angerollt. Inzwischen hat er sich verbreitet. Die Idee ist mit Leben gefüllt worden und viele junge oder ältere junggebliebene Kolleginnen und Kollegen die haben sie weitergetragen ... Entstanden ist ein dynamischer Prozess. Es war kein festgelegter Prozess, der bestimmten Gesetzen folgte. Es war immer ein offenes Geschehen. Es ging immer um die Kinder ...“.
Ernst J. Kiphard, 1998, in einem Interview für den Film „Herr Professor Clown“


Prolog

Eine Idee wurde mit Leben gefüllt -
ein dynamischer Prozess entstand -
es ging immer um die Kinder.

Welche Ideen wurden mit Leben gefüllt? Welcher Prozess ist entstanden und für welche Kinder setzte sich Kiphard sein Leben lang ein?
Diesen und vielen anderen Fragen sind wir nachgegangen - im Gespräch mit Ernst J. Kiphard, beim Beobachten seiner Arbeit und beim Recherchieren seiner Biographie. Begegnungen mit faszinierenden Persönlichkeiten und der Zugang zu einer Fülle von einzigartigen Dokumenten motivierten uns, trotz grosser Schwierigkeiten, einen Film zu gestalten, der Facetten der Psychomotorik zeigt, wie sie Prof. Dr. Ernst "Jonny" Kiphard gelebt und gelehrt hat.

Aber lassen wir zuerst Ernst J. Kiphard selbst zu Wort kommen.

'Der Bewegung kommt gerade im frühen Kindesalter eine Schlüsselrolle für die gesamte Persönlichkeitsentwicklung zu.
Das heisst, Entwicklungsfortschritte oder auch Entwicklungsverzögerungen im Bewegungsbereich wirken sich - je nachdem - positiv oder negativ auf die anderen Persönlichkeitsbereiche aus.
Das gilt insbesondere für die emotional-soziale, die perzeptiv-kognitive und sprachliche Entwicklung.
Diese ganzheitliche Sichtweise bildet die Grundlage der Psychomotorik in ihren pädagogischen und therapeutischen Anwendungsfeldern.

Anders als bei der Leibesübung bzw. Sportpädagogik geht es hier primär nicht um motorische Leistung und Leistungssteigerung in einzelnen Sporttechniken.
In der Psychomotorik verbessern die Kinder auf spielerisch-experimentierende Weise zwar auch ihre Geschicklichkeit.
Dies ist jedoch niemals Selbstzweck. Bewegungserfahrungen und -verbesserungen stehen letztlich immer im Dienste einer holistischen Persönlichkeitsentwicklung.

Es ist eminent wichtig, dass die späteren Psychomotorik-Therapeutinnen neben einer fundierten theoretischen Ausbildung vielfältige hautnahe und erlebnisreiche Körper- und Bewegungserfahrungen machen. Nur so sind sie in der Lage, die verschiedenen Lehrinhalte in ihrer typischen psychomotorischen Methodik und Vermittlungsweise an die Kinder weiterzugeben.

Was sind nun die Hauptmerkmale der psychomotorischen Arbeitsweise?
Statt der im Sportunterricht typischen Fremdbestimmtheit durch Übungsanweisungen und Korrekturen, statt des üblichen Vor- und Nachmachens, handeln die psychomotorisch geförderten Kinder selbstbestimmt.
Dabei charakterisieren Freude am Tun, am Ausprobieren, Entdecken und am kreativen individuellen Lösen von Bewegungsproblemen die Atmosphäre.
Die Erwachsenen nehmen sympathisierend am Geschehen Anteil, sie ermutigen und bestärken die Kinder in jeder Weise.

Die psychomotorisch orientierte Pädagogik und Therapie will die Kinder so weit wie möglich eigenverantwortlich handlungsfähig machen.
Dabei ist es in der heutigen Zeit dringend notwendig, ethische Werte wie Anständigkeit, Ehrlichkeit, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit zu vermitteln.
Dazu kommen soziale Tugenden wie Bescheidenheit, Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft, Dankbarkeit, Kameradschaft und Freundschaft.

Das Computerzeitalter, in dem wir leben, hat zur Isolation der einzelnen Individuen, vor allem der Kinder, geführt. Viele Kinder entwickeln sich zwangsläufig zu kleinen Egoisten, denen das Eigenwohl hoch über dem Allgemeinwohl steht.
Hier erfüllt die Psychomotorik eine überaus wichtige pädagogische Funktion, indem sie diese Kinder über positive Gemeinschaftserlebnisse sozial sensibel macht.'

 

Bilder Kiphard1

Lehrtätigkeit

Für den heute fast 80-jährigen Vater der deutschen Psychomotorik ist es eminent wichtig, dass die späteren PsychomotoriktherapeutInnen neben einer fundierten theoretischen Ausbildung vielfältige, hautnahe und erlebnisreiche Körper- und Bewegungserfahrungen machen. Er ist überzeugt: Nur so sind sie in der Lage, die verschiedenen Lerninhalte in ihrer typischen psychomotorischen Methodik und Vermittlungsweise an die Kinder weiterzugeben.
Ein Schwerpunkt in Kiphards Arbeit ist das Zirzensische, zum Beispiel das Jonglieren oder das Zaubern. Kunstfertigkeiten und Artistik in spielerischer Form haben aus erlebnis- und sozialpädagogischer Sicht für ihn einen hohen Stellenwert.

Lebenslauf

Wer ist Ernst J. Kiphard? Wir blättern in Kiphards Lebensalbum und erhalten einen Einblick in das vielseitige Wirken des Diplom-Sportlehrers und Universitätsprofessors.
Nach dem 2. Weltkrieg erfüllte sich Jonny Kiphard einen Jugendtraum. Er ging zum Zirkus und trat als Trapez-Akrobat und Clown auf. Nach einem Unfall begann er, 30 jährig, Sport, Englisch, Pädagogik und Psychologie an der Sporthochschule und an der Universität Köln zu studieren. Er hatte vor, nach dem Studium eine Artistenschule zu gründen. Die hautnahe Begegnung mit behinderten Kindern während eines Praktikums bewirkte aber dann etwas Entscheidendes. Anstatt Kindern und Jugendlichen am oberen Ende der Leistungsskala Höchstleistungen anzutrainieren, kümmerte er sich fortan um die schwachen und ungeschickten Kinder. So wurde Kiphard im Jahre 1955 als freier Mitarbeiter und ab 1960 auf einer Planstelle an einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie als Bewegungspädagoge und -therapeut tätig, an der er 25 Jahre lang wirkte. Hier entwickelte er, neben motodiagnostischen Tests, die sogenannte "Psychomotorische Übungsbehandlung".
Nach seiner Promotion 1976 bekam er 1980 einen Ruf als Ordentlicher Professor an die Uni Frankfurt am Main, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1989 in Lehre und Forschung tätig war. 1990 erhielt er das Bundesverdienstkreuz.

Bilder KiphardsLeben2

Clown

Der Clown, meint Jonny Kiphard, bewahrt das Paradies der Kindheit in sich. Schon Erich Kästner hat gesagt: Erwachsen werden und doch Kind bleiben, sei das eigentliche Lebensziel. Im Clown ist beides erhalten. Darum können sich Kinder so gut mit ihm identifizieren, ist Kiphard überzeugt.
Schon zu Beginn der Sechziger Jahre hatte Jonny Kiphard in der westfählischen Jugendklinik in Gütersloh mit Zirkus- und Clownvorstellungen begonnen. Er merkte, dass der Clown mit seiner Tolpatschigkeit von Behinderten als ein Verbündeter erfahren wird. Er hat schon damals den Clown als Therapeuten entdeckt, der  heute auch in Kinderkrankenhäusern eingesetzt wird.

Arbeit mit Kindern

Die psychomotorisch orientierte Pädagogik und Therapie, die Ernst J. Kiphard begründet hat, will die Kinder so weit wie möglich eigenverant­wortlich handlungsfähig machen. Statt der im Sportunterricht typischen Fremdbestimmtheit durch Übungsanweisungen und Korrekturen, statt des üblichen Vor- und Nachmachens, handeln die psychomotorisch geför­derten Kinder selbstbestimmt. Dabei charakterisieren Freude am Tun, am Ausprobieren, Entdecken und am kreativen individuellen Lösen von Be­wegungsproblemen die Atmosphäre.

Bilder KiphardsLeben3

Auswirkungen

Die Grundlagenforschung, die in den 60-er Jahren in Gütersloh und Hamm durch Kiphard und andere geleistet wurde, blieb nicht ohne Auswirkung: Die Bewegung erhielt Beachtung und Raum. Die Psychomotorik fand Einzug in Kindergärten und Schulen. Die Fortschritte, die bei Kindern mit Bewegungsstörungen erzielt wurden, sprachen sich herum. Vielerorts in Deutschland griff man diese Erkenntnisse für die gezielte Entwicklungsförderung von Kindern auf. Es begann sich etwas zu bewegen. Die Überzeugung setzte sich durch, dass eingeschränkte Spiel- und Lebensräume für Kinder sowie zunehmender Fernsehkonsum und Computergebrauch das Bedürfnis steigern nach Bewegungsräumen, die eine ganzheitliche Entwicklung unterstützen können.
Jonny Kiphard verbreitete seine Ideen an zahlreichen Kongressen im In- und Ausland. Er ist Autor oder Co-Autor von 14 Fachbüchern, die in viele Sprachen übersetzt wurden.

Abspann

Jonny Kiphard hat Prozesse in Gang gebracht - ein Netz geknüpft. Möge dieses Netz einerseits viele Kinder einfangen und für die Bewegung begeistern und andererseits Kinder auffangen, für die es nicht selbstverständlich ist, von einem Stuhl zu springen.

Brigitte Wachter

 

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Curriculum
Ernst Jonny Kiphard

     
1.12.1923   Geboren in Eisenach
     
1929 - 1932   Volksschule in Eisenach
     
1932 - 1940   Real-Reform-Gymnasium „Ernst-Abbe-Schule in Eisenach
     
1940   Abitur am Real-Reform-Gymnasium
     
1940 - 1945   Kriegsdienst, u.a. als Seeoffizier auf U-Booten und als Marine­ Kampfschwimmer (Oberleutnant zur See)
     
1945 - 1946   Englische Gefangenschaft
     
1947 - 1950   Artist im Zirkus Carl Althoff als Trapez-Akrobat und Clown
     
1951 - 1953   Angestellter bei der British European Airways in HamburgSeminar HPS Zürich
     
1954 - 1957   Studium an der Sporthochschule Köln sowie an der Universität Köln (Englisch, Pädagogik, Psychologie)
     
1955 - 1956   Entwicklung der Psychomotorischen Übungsbehandlung im Rahmen eines Forschungsauftrages des Sozialministers Nordrhein­Westfalen an der Klinik für Jugendpsychiatrie in Gütersloh als freier Mitarbeiter
     
1957   Examen als Dipl.-Sportlehrer in Köln
     
1958 - 1959   Sportpädagoge an der Schlossschule Salem/Bodensee
     
1960 - 1980   fest angestellter Bewegungspädagoge und -therapeut in Gütersloh bzw. 1965 am Westfälischen Institut für Jugendpsychiatrie und Heilpädagogik in Hamm
     
1965 - 1967   Leiter eines DFG- Forschungsauftrages „Das Syndrom motorischer Fehlleistungen bei frühkindlich Hirngeschädigten. Entwicklung und Konstruktion des Trampolin-Körper-koordinations-tests (TKT) sowie - in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Friedhelm Schilling von der Universität Marburg - des Körper-koordinationstests für Kinder (KTK)
     
1975   Veröffentlichung des Sensomotorischen Entwicklungsgitters als diagnostisches Screening-Verfahren für 0 bis 4-jährige Kinder
     
1976   Promotion zum Dr. phil. an der Universität Bremen („summa cum laude) zum Thema „Motorik und Behinderung
     
1980 - 1989   Ordentlicher Professor für Motopädagogik als Prävention und Rehabilitation am Institut für Sportwissenschaften der Universität Frankfurt am Main
 
Kiphard als Artist im Zirkus Althof
Ernst J. Kiphard als Artist im Zirkus Althof (1946)


 

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